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„Rechtzeitig“ ist das Zauberwort

  • 29. Juni 2023
Dr. Thomas Sitte

Dr. Thomas Sitte im Interview über Möglichkeiten palliativer Begleitung und Missverständnisse darüber

Dr. Thomas Sitte ist Facharzt für Anästhesiologie, Schmerzmediziner und als Palliativmediziner ein Pionier. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich er mit den Möglichkeiten palliativer Versorgung und hat unter anderem vor 13 Jahren die Deutsche PalliativStiftung mit Sitz in Fulda gegründet. Das Ziel: Für alle Menschen ein lebenswertes Leben bis zum Schluss möglich machen und über dieses Thema aufklären.   

„… leben bis zuletzt!“ ist das Motto der Deutschen PalliativStiftung. Was kann eine palliative Begleitung leisten?

Palliative Begleitung ist die eierlegende Wollmilchsau. Wir achten darauf, was den Patient:innen wichtig ist. Wir helfen zu sehen, welche Therapien mehr schaden als nutzen. Wir können lindern, was schlecht zu ertragen ist und gelindert werden soll. Wir können beides, den Tagen mehr Leben UND dem Leben mehr Tage geben. Und das noch für geringere Kosten als bei der üblichen Behandlung. Salopp gesagt, sind wir die Spezialisten für Wohlbefinden und Lebensqualität.

Gibt es auch Grenzen?

Oh ja. Bei vielen Beschwerden ist es so, dass die Patient:innen sehr müde werden, wenn man die Symptome (nahezu) ganz beseitigen soll. Dann hat mir aber manch einer schon gesagt: Lieber ein paar Stunden mehr schlafen am Tag, als diese tierischen Schmerzen wieder zu bekommen. Eine weitere Grenze für mich ist: Ich lindere Leiden und verlängere Leben.  Aber ich lindere nicht Leiden, indem ich das Leben auslösche. Wir lassen auch das Sterben zu. Aber wir verkürzen das Leben nicht.

In unseren Gesprächen zur Artikelserie „Palliative Begleitung“ in der Medium haben uns immer wieder Menschen von Berührungsängsten und Missverständnissen berichtet. Woher kommt das?

Leider begegnen mir diese Irrtümer auch häufig. Deshalb ist es so wichtig, über die Möglichkeiten zu informieren und deutlich zu machen, um was es tatsächlich geht. 

Ein häufiger Satz: „Das ist noch nicht soweit.“ Dabei ist es so wichtig, rechtzeitig palliativ zu denken. Wenn wir Lebensqualität verbessern sollen, dann ist es unmittelbar vor dem Tod zwar auch noch möglich, aber das ist doch reichlich spät.

Ein anderer Einwand, den ich oft höre: „So starke Medikamente machen doch abhängig/töten doch!“ Ein Mensch kann auch abhängig von Insulin sein. Wenn wir Opioide sinnvoll einsetzen, machen sie nicht süchtig.

Oder die irrtümliche Ansicht: „Wir müssen doch meinen Vater künstlich ernähren, sonst wäre das Sterbehilfe.“ Niemand muss, niemand darf gegen seinen Willen am Leben erhalten werden. Das ist seit Jahrzehnten die auch rechtlich geltende Regelung.

Sie sagen, es ist wichtig, rechtzeitig palliativ zu denken. Wann ist der richtige Zeitpunkt für die palliative Begleitung gekommen und wer legt diesen Zeitpunkt fest?

Sofort bei der Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung. Nicht erst kurz vorm Tode. Dann kann man die verbleibende Zeit wirklich verbessern. Zweigleisig fahren – kurative Behandlung und palliative Begleitung – ist die einfache und beste Lösung.

Wer entscheidet darüber, wie palliative Begleitung gestaltet wird? 

Der Patient!

Ihre Stiftung macht darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, sich um Vollmachten zu kümmern. Aber diese auszufüllen, ist nicht einfach. Nicht jeder kann die Tragweite verstehen, was es wirklich bedeutet, wenn man zum einen zustimmt oder das andere nicht möchte. Wie kann ich sicher gehen, dass ich tatsächlich das festlege, was ich wirklich möchte?

Eine gute Frage, da braucht es erfahrene Berater. Diese können verschiedenen Berufsgruppen angehören. Die PalliativStiftung bietet übrigens regelmäßig Vorträge zu diesem Thema an, mittwochs alle zwei oder drei Wochen um 16 Uhr. Außerdem braucht jede:r eine:n Bevollmächtigte:n, die oder der auch tatsächlich den verbrieften Willen durchsetzt.

Info: 

Deutsche PalliativStiftung im Internet: https://palliativstiftung.com