
Mit Weitblick für die Zukunft
17/08/2026
Hessentag in Fulda: Mediana mittendrin
17/08/2026Interview – Warum Bewegung die beste Therapie sein kann
Plötzlich dreht sich alles, der Boden scheint zu schwanken, jeder Schritt wird zur Herausforderung: Rund jeder dritte Erwachsene hat laut der Deutschen Hirnstiftung Schwindel erlebt, über 70-Jährige fast dreimal so oft. Die gute Nachricht: In vielen Fällen lässt sich gezielt etwas dagegen tun.
Ludmilla Dickey, Teamleiterin der Mediana Physiotherapie in Hünfeld, ist ausgebildet als vestibuläre Schwindeltrainerin. Sie erklärt, warum Schwindel entsteht und weshalb Bewegung wichtig ist.
Zur Person
Ludmilla Dickey ist Teamleiterin der Mediana Physiotherapiepraxis in Hünfeld. Als Physiotherapeutin hat sie die Fachweiterbildung zur vestibulären Schwindeltrainerin absolviert.
Schwindel betrifft viele ältere Menschen. Warum nimmt er im Alter zu?
Ludmilla Dickey: Schwindel ist ab etwa dem 70. Lebensjahr eine häufige Begleiterscheinung. Wie stark er ausgeprägt ist, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ein häufiger Grund ist, dass auch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr altert und dadurch anfälliger für Störungen wird. Gleichzeitig ist Schwindel ein sehr komplexes Phänomen, hinter dem ganz unterschiedliche Ursachen stecken können.
Welche Formen von Schwindel gibt es und wodurch unterscheiden sie sich?
Dickey: Die Bandbreite ist groß. Häufig ist beispielsweise der Lagerungsschwindel. Dabei lösen sich kleine Kristalle im Innenohr, wandern in einen Bogengang und können dort heftige Schwindelattacken auslösen. Daneben gibt es neurologisch bedingten Schwindel, etwa nach einem Schlaganfall oder bei neurologischen Erkrankungen. Auch Kreislaufprobleme, Stress oder Angst können Schwindel verursachen. Manche Menschen entwickeln nach einer akuten Schwindelattacke außerdem eine anhaltende Unsicherheit – obwohl die eigentliche körperliche Ursache längst behoben ist.
Wann ist Schwindel ein Notfall und man sollte unbedingt ärztliche Hilfe suchen?
Dickey: Wenn plötzlich starker Schwindel ohne erkennbare Ursache auftritt, man nicht mehr aufstehen, den Kopf nicht heben kann, zusätzlich heftige Übelkeit einsetzt oder es zu neurologischen Ausfällen kommt, sollte sofort der Rettungsdienst gerufen werden.
Im Notfall: Rettungsdienst unter 112
Wie kann Physiotherapie Menschen mit Schwindel helfen?
Dickey: Am Anfang steht immer die genaue Analyse: Ab welchem Punkt beginnt der Schwindel, wann gerät das Gleichgewicht ins Wanken? Auf dieser Grundlage entwickeln wir ein individuelles Trainingsprogramm. Ziel ist es, wieder ein sicheres Gangbild sowie normale Kopf- und Augenbewegungen zu ermöglichen und das Gleichgewicht Schritt für Schritt zu verbessern.
Wie sehen die Übungen konkret aus?
Dickey: Das hängt von der Ursache und der Ausprägung des Schwindels ab. Eine einfache Übung beginnt beispielsweise in Rückenlage: Die Augen werden langsam nach rechts und links bewegt. Bei manchen Menschen reicht das bereits aus, um Schwindel auszulösen. Anschließend steigert man die Übungen schrittweise – von der Rückenlage über das Sitzen bis zum Stehen. Später kommen Kopfbewegungen oder Übungen auf unterschiedlichen Untergründen hinzu. So lernt das Gleichgewichtssystem, sich auch unter anspruchsvolleren Bedingungen wieder sicher zu orientieren.
Schwindel und Angst scheinen eng zusammenzuhängen. Welche Rolle spielt die Psyche bei der Behandlung?
Dickey: Schwindel entsteht oft plötzlich und vermittelt das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Deshalb haben viele Betroffene Angst vor einem erneuten Anfall oder vor einem Sturz. In der Therapie geht es darum, sich diesen Situationen unter fachlicher Anleitung langsam wieder anzunähern. Gerade älteren Menschen fällt das häufig schwer, weil sie bereits Stürze oder Knochenbrüche erlebt haben und verständlicherweise weitere Verletzungen vermeiden möchten.
„Ich habe Patienten erlebt, die nach schweren Schwindelattacken wieder Fahrrad fahren konnten. Das zeigt: Es lohnt sich, dranzubleiben.“
Ludmilla Dickey, vestibuläre Schwindeltrainerin
Viele Betroffene vermeiden aus Angst jede Bewegung. Warum ist das dennoch ein Fehler?
Dickey: Unser Gleichgewichtssystem muss regelmäßig trainiert werden. Wer aus Angst bestimmte Bewegungen meidet, verliert diesen Trainingseffekt. Dadurch entsteht ein Teufelskreis: Das Gangbild wird steifer und unsicherer, der Schwindel tritt häufiger auf und der Bewegungsradius schrumpft immer weiter. Im schlimmsten Fall verlieren Menschen ihre Selbstständigkeit, weil sie sich kaum noch aus dem Haus trauen.
Wie können Menschen mit Schwindel im Alltag unterstützt werden?
Dickey: Das Wichtigste ist, Betroffene zur Bewegung zu ermutigen. Gemeinsam spazieren zu gehen oder sie bei alltäglichen Wegen zu begleiten, gibt Sicherheit und hilft dabei, das Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugewinnen. So lässt sich verhindern, dass sich Menschen aus Angst immer weiter zurückziehen.
Kann Schwindel vollständig verschwinden – und wie lange dauert eine Behandlung?
Dickey: Das hängt von der Ursache ab. Manche Menschen benötigen nur wenige Wochen Therapie, andere deutlich länger. Häufig lässt sich der Schwindel deutlich bessern oder zumindest ein Fortschreiten verhindern. Entscheidend sind regelmäßiges Üben und die Bereitschaft, sich trotz anfänglicher Unsicherheit auf die Therapie einzulassen.
Genügend trinken – besonders bei Hitze
Gerade an heißen Tagen kann Flüssigkeitsmangel Schwindel verstärken oder sogar auslösen. Mit zunehmendem Alter lässt außerdem das Durstgefühl nach. Viele ältere Menschen trinken deshalb zu wenig. Darauf sollten Sie achten:
- Trinken Sie regelmäßig über den Tag verteilt – nicht erst, wenn Durst aufkommt.
- Ideal sind Wasser, Mineralwasser oder ungesüßte Kräuter- und Früchtetees.
- Bei Hitze, Fieber oder starkem Schwitzen steigt der Flüssigkeitsbedarf.
- Stehen Sie langsam auf, besonders wenn Ihnen häufig schwindelig wird.
- Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über die passende Trinkmenge, wenn Sie Herz-, Nieren- oder andere Erkrankungen haben, bei denen die Flüssigkeitszufuhr begrenzt werden muss.
Gut zu wissen: Schon ein leichter Flüssigkeitsmangel kann den Blutdruck absinken lassen und Schwindel sowie Unsicherheit beim Gehen verstärken.
5 Tipps für das Leben mit Schwindel
1
Ausreichend trinken
Gerade bei Hitze oder körperlicher Anstrengung kann Flüssigkeitsmangel Schwindel verstärken.
2
In Bewegung bleiben
Auch wenn es Überwindung kostet: Spaziergänge, leichte Gymnastik oder gezielte Gleichgewichtsübungen helfen dabei, das Gleichgewichtssystem zu trainieren und Unsicherheit abzubauen.
3
Langsam aufstehen
Stehen Sie nach dem Liegen oder Sitzen langsam auf und gönnen Sie Ihrem Kreislauf einen Moment, bevor Sie losgehen. Drehen Sie den Kopf zunächst ruhig und kontrolliert, denn schnelle Bewegungen können Schwindel auslösen.
4
Stürzen vorbeugen
Tragen Sie rutschfeste Schuhe, sorgen Sie für gute Beleuchtung und entfernen Sie Stolperfallen wie lose Teppiche oder herumliegende Kabel. Nutzen Sie Geländer oder einen Gehstock, wenn Sie sich unsicher fühlen.
5
Hilfe annehmen und gemeinsam aktiv sein
Schwindel führt oft dazu, dass Betroffene aus Angst das Haus kaum verlassen. Verabreden Sie sich zum Spazierengehen. Gemeinsam fällt Bewegung leichter – und stärkt das Vertrauen in die eigene Sicherheit.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bitte besprechen Sie anhaltende oder neu auftretende Beschwerden mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Quelle der genannten Häufigkeiten: Deutsche Hirnstiftung. Bildnachweis: kalhh / Pixabay.
